by Greenpeace and friends

Bevölkerungsproblematik?



Aus Angst, als "politisch inkorrekt" interpretiert zu werden, haben sich die progressiven Kräfte fast vollständig aus der Bevölkerungsdebatte zurück­gezogen. Das ist schade, da damit das Feld den Scharlatanen und Chauvinisten überlassen wird.

Aus ökologischer Sicht ist un­ein­ge­schränk­tes Bevölkerungswachstum in jedem geschlossenen System natürlich ein gravierendes Problem.  Das ist trivial, denn in einem Aquarium bestimmter Größe lassen sich selbst bei bestem Willen, bester Umwälzpumpe und bester Fütterung nur eine bestimmte Anzahl an Fischen halten. Werden es zu viele, erdrücken sie sich, fressen sich gegenseitig auf oder ersticken an den eigenen Fäkalien. Soweit zur Ökologie.

Doch was sagt uns das?  Nichts! Menschen sind keine Fische, auch keine Heuschrecken. Und sie sind nicht nur das Element einer Population. Sie sind Menschen.

Alle Menschen haben das gleiche Recht zu leben. Die Acht-Milliardste hat sich nicht ausgesucht, die Acht-Milliardste zu sein, genauso wenig wie es mein Privileg sein kann, erst der Drei-Milliardste Mensch gewesen zu sein, also gerade noch im vielleicht als "verträglich" geltenden Mengenkontingent gelandet zu sein.  

Fangen wir von vorne an:
Am klarsten wird die Rolle der Bevölkerung durch eine "Formel" dargestellt, die auf P. Ehrlich und J. Holdren zurückgeht:

Gesamtwirkung = Zahl Menschen x Konsum/Mensch x Wirkung/Konsum

Die Gesamtwirkung der Menschheit auf dem Planeten ist das Produkt aus der Anzahl der Menschen  mal Konsum der Menschen mal Auswirkung pro Konsum. Um die Gesamtwirkung in Grenzen zu halten, darf keiner der drei Faktoren ins Uferlose wachsen!
 
Aber da in unseren Breiten der Konsum so unverschämt hoch ist, fällt der größte Teil der negativen globalen Auswirkung immer noch zu Lasten der OECD Länder. Allerdings könnten die bevölkerungsreichen Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien bei gleichbleibender Entwicklung bald ähnlich großen Schaden anrichten. Deswegen gelten sie ja auch als "ökologische Gefahr", was aber pro EinwohnerIn betrachtet, völlig unberechtigt ist.  Die ökologische Gefahr sind wir, mit unseren zukunftsUNfähigen Lebensstilen!

Die Eindämmung des Überkonsums ist deshalb ein genauso wichtiges Thema wie Bevölkerungswachstum. Bei letzterem muss verstanden werden, dass bittere Armut, mangelnde Bildung und Benachteiligung der Frauen das größte Hindernis sind, Bevölkerungswachstum einzubremsen. Und die bittere Armut hängt wieder damit zusammen, dass etwa Afrika und seine Bewohner seit Jahrhunderten einseitig ausgebeutet werden, vorwiegend nicht durch andere Arme, sondern durch jene, die auf zu großem Fuß leben. Kommt es zu Kriegen und Konflikten unter den "Armen" selbst, dann v.a. weil ihnen die Ressourcen, das Land, etc, zu knapp geworden sind.  (Zumeist nicht durch ihre hohe Bevölkerung, sondern durch das Abfließen von Ressourcen und Menschenkraft.)

Der bitterarme Sudan etwa hat nur 16 EinwohnerInnen /km², Brasilien nur 21,5 EinwohnerInnen /km² (die USA im Vergleich dazu 30), Mexiko ist mit seinen 54,4 EinwohnerInnen /km² nur etwa halb so "überbevölkert" wie Österreich, das mit etwa 100 EinwohnerInnen /km² gleichauf liegt wie Uganda. (Frankreich 109). China ist mit 136,9 EinwohnerInnen /km² deutlich weniger "überbevölkert" wie Deutschland mit 225 oder Großbritannien mit 248 Einwohnern /km². Indien mit 329 EinwohnerInnen /km²  ist tatsächlich sehr dicht besiedelt, wird aber immer noch von den Niederlanden überholt, die mit 389 EinwohnerInnen /km² eigentlich zu den "dramatisch überbevölkerten" Ländern zu zählen sind.
 
Was heißt das für uns? Nehmen Sie ein Beispiel: In dem nun allseits als "Bedrohung" dargestellten China gibt es 20 Autos auf 1.000 Einwohner.  In den nächsten 30 Jahren könnte sich diese Zahl verzehnfachen! Natürlich würde das unsere Erdatmosphäre und unsere Existenz bedrohen! Aber selbst dann werden es dort "nur" 200 Autos pro 1.000 Einwohner sein. Vergleichen Sie das mit Österreich, wo 540 Autos auf 1.000 Einwohner kommen! Wollen wir also, um zu überleben und fair auf diesem Planeten miteinander auszukommen, dass China sich bei 100 Autos auf 1.000 Einwohner einbremst, dann müssen wir auch wollen, dass wir in Österreich, der EU, den USA, etc. uns auf 100 Autos pro tausend Einwohner hinentwickeln. Das heißt, dass 4 von 5 der Vehikel, die heute in Österreich herumstehen und fahren, verschwunden sein sollten. Das Letztere ist deutlich schwerer zu erreichen als das Wachstum in China vernünftig zu lenken. Es braucht aber beide Begrenzungen!

Als ÖsterreicherIn in Österreich ist es deshalb legitim, sich um unsere Probleme vorrangig zu kümmern, und nicht mit dem Finger auf die Probleme und Herausforderungen der anderen zu zeigen. Nur wenn die OECD Länder ihren eigenen ökologischen Fußabdruck auf das ihnen global zustehende Maß reduzieren, dann geben sie den "nachholenden Ländern" eine Chance auf faire Entwicklung.

Mit Zugang zu guter Bildung, der Gleichstellung der Frauen und einem bescheidenen Wohlstand für alle wird sich auch das Fortpflanzungsalter und die Familiengröße ändern, und damit das Bevölkerungswachstum einpendeln. Genau wie es auch bei uns geschehen ist vor nicht allzu langer Zeit. Demographisch sind die Entwicklungen der bevölkerungsreichsten Länder der Erde nur etwa um 50 Jahre zu der in Europa verschoben.

Die Bevölkerungsentwicklung lässt sich bei gegebenen Annahmen relativ klar vorhersagen. Mit Ende des Jahrhunderts wird sich die Weltbevölkerung zwischen 8 und etwa 10 Milliarden einpendeln. Der Spielraum für weitere Steuerung ist innerhalb der Achtung der Menschenrechte sehr bescheiden. Aber auch nicht notwendig!

Denn 20 Prozent auf oder ab sind im Vergleich zur Tatsache, dass eine durchschnittliche AmerikanerIn 1.400 Prozent mehr Energie verbraucht als eine durchschnittlichen AfrikanerIn, fast nebensächlich. 

Wer bedroht wen?

Das Bevölkerungswachstum in England (0,2%) trägt viermal soviel zum Treibhauseffekt bei wie jenes von Bangladesch (2,3%), da jedes Neugeborene in England ein Vielfaches an Energie und Ressourcen konsumiert.


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