by Greenpeace and friends

Gefährdeter Mittelstand


"Dank der Fortschritte im Bereich von Wissenschaft und Technik wird die Menschheit alles in allem von Jahr zu Jahr und mit zunehmender Tendenz reicher. Aufgrund einer falschen Ideologie werden diese Reichtümer jedoch an falscher Stelle angehäuft und nicht zum Wohle der gesamten Menschheit genutzt."
Dieses nüchterne Resümee zieht Huschmand Sabet aus seiner brisanten, an klaren Fakten orientierten Analyse der Weltlage zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Anhand von Statistiken der Weltbank, des World Wealth Report sowie der Zeitschrift Forbes, die jährlich eine Liste der weltweit vermögendsten Personen publiziert, zeigt der Autor, selbst langjährig Leiter eines internationalen Unternehmens und nun Unterstützer von Initiativen wie Terra e. V. sowie des Global Marshall Plans, wie die Weltwohlstandsschere immer mehr auseinander klafft.
Sein Ergebnis: Nicht nur die Ärmsten in den Ländern des Südens zählen zu den Verlierern des gegenwärtigen, vor allem an Aktien- und Spekulationsgewinnen orientierten ökonomischen Systems, sondern auch der globale Mittelstand - Klein- und Mittelunternehmen sowie ArbeitnehmerInnen in den industrialisierten Ländern des Nordens.

Facts: Die Weltschieflage in Zahlen

Während die Gruppe der 587 Dollarmilliardäre allein im Jahr 2004 einen realen Vermögenszuwachs von 300 Mrd. US-Dollar verzeichnete, hat der Weltmittelstand, etwa 1,2 Mrd. Menschen, an die 850 Mrd. verloren, so der alarmierende Befund. Die weniger und am wenigsten entwickelten Länder – ihnen werden gut 80 Prozent der Weltbevölkerung zugerechnet – haben nach dieser Statistik trotz zunehmender Globalisierung ebenfalls keine Zuwächse verzeichnet. Die Schieflage macht ein weiterer Vergleich deutlich: Das Gesamtjahresbudget der Vereinten Nationen macht 1,8 Mrd. US-Dollar aus, jenes der drei größten deutschen Entwicklungshilfswerke 125 Mio. Dollar – also Peanuts gegenüber den Vermögenszuwächsen der "Superreichen": Die "oberen Zehntausend" der Weltbevölkerung verbuchen einen Jahresvermögenszuwachs von einer Billion Dollar, dieselbe Summe übrigens, die jährlich für "Sicherheit" ausgegeben (verpulvert) wird. Der Hauptgrund für diese Absurdität liegt im Prinzip des Zinssystems: Wer bereits viel hat, bekommt immer mehr dazu. (n. Sabet).

Sabet zeigt die ökonomischen und sozialen Probleme dieses "Wildwuchskapitalismus" auf, der die Marginalisierten weiterhin ausgrenzt und der es (regionalen) Klein- und Mittelunternehmen immer schwerer macht, mit- und damit Arbeitsplätze zu erhalten. Er greift die Milliardäre nicht persönlich an, sondern die falschen Regeln, die ihnen diese Bereicherung ermöglichen. Mit der Forderung nach "Nulllohnrunden" für die Vermögenden verbindet der Autor die Umlenkung von Geldströmen in die Überwindung von Hunger und Armut. Ob dieser Verzicht auf weitere Vermögenszuwächse auf freiwilliger Basis geschehen soll - Sabet hofft auf die Einsicht der Reichen und lobt etwa das soziale Engagement von Bill Gates -, oder doch durch in global akkordierter, politischer Anstrengung zu schaffenden Regulierungen, die die Bereicherungen unterbinden (die Rede ist nicht von Zinsverbot, sondern von "gerechtem Zins") bleibt dabei offen.

Der Autor lobt nicht zuletzt die Errungenschaften der westlichen Demokratien, er verweist jedoch zu Recht auf ihren blinden Fleck, nämlich das "Recht auf Leben und Überleben" für alle ins Zentrum zu stellen. "Für das unterernährte Kind – ohne Möglichkeit zur Teilhabe an Bildung und einem Mindestmaß an medizinischer Versorgung – ist kein Gericht der Welt zuständig, bei dem es allein sein elementarstes Menschenrecht einklagen könnte." (S. 161)
Dass diese Zukunftsperspektive mit den verfügbaren Technologien, dem vorhandenen Know How und den vorhandenen ökonomischen Potenzialen sehr gut möglich wäre, zeigt Sabet in seinem optimistischen Ausblick für ein anderes 21. Jahrhunderts. Sein Plädoyer für eine "machbare Utopie" des Wohlergehens aller ErdenbürgerInnen führte ihn naheliegender Weise zur Global Marshall Plan-Initiative, die ein konzises Konzept für ein neues Weltwirtschaftswunder durch bessere Allokation vorhandener Mittel darstellt. "Aufklärung in Zeiten der Globalisierung tut not". Huschmand Sabet leistet dazu mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag. Diesem Befund von Prof. Radermacher im Vorwort ist nur zuzustimmen. Und der Widmung durch den Autor nicht weniger: "Den Armen ein Hoffnungsschimmer, den Superreichen zur Nachdenklichkeit". H. H.

Huschmand Sabet: Globale Maßlosigkeit. Der (un)aufhaltbare Zusammenbruch des globalen Mittelstands. Düsseldorf: Patmos, 2005. 224 S. € 14,90 [D], €15,90 [A], sFr 26,20 Bezug: Global Marshall Plan Foundation, www.globalmarshallplan.org. Tel. 0049 – (0)40 22 90 420

ZITATE 

"Richtig und notwendig wäre, wenn die Superreichen ihren Anteil am Vermögenszuwachs durch Nullrunden für die dringend erforderliche Sanierung der Welt einbringen würden." (Sabet, S. 139)

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