by Greenpeace and friends

Von der Elastizität der Zeit


Moderne Gesellschaften haben sich – wie es scheint – dem Diktat der Uhr so gut wie bedingungslos unterworfen. "Ticken wir noch richtig?", fragt demnach Karlheinz A. Geißler im einleitenden Beitrag eines Bandes, in dem vierzehn AutorInnen zu Wort kommen, um aus unterschiedlicher Perspektive für die Wiedergewinnung von Zeitvielfalt zu plädieren. An dieser Stelle müssen einige Hinweise genügen: Die Uhr, so Geißler, sei ein "Medium der Einfalt", dem wir uns zum Zweck der Güterwohlstandsmehrung unterwerfen und dabei permanent in Zeitnotstand geraten. Lebendige Systeme – ökologische wie soziale – sind hingegen auf zeitliche Elastizität angewiesen, um sich im Fall von Krisen neu zu organisieren. Erforderlich seien also plurale Zeitmuster, das Zusammenspiel von Beschleunigung und Stillstand, Kurzfristigkeit und Langsamkeit, Eile und Muße; kreative Prozesse gelängen nur in "subjektiver Zeitfreiheit".

Das komplexe Wechselspiel der Zeiten in Natur und Kultur beleuchtet im Folgenden Klaus Kümmerer vorrangig aus ökologischer Sicht mit Blick auf unterschiedliche Zeitskalen (Entstehung des Lebens, Phasen eines Menschenlebens, die Wirkung von Schadstoffen (FCKW) oder die raum-zeitliche Wirkung des Vorsorgeprinzips). "Zeit-Formen" ist ein weiterer Abschnitt übertitelt, in dem es um erkenntnistheoretische Reflexionen (den Zusammenhang von Zeit und Ewigkeit, das Zeitverständnis in den Weltreligionen), das Phänomen der "Zeitvergessenheit" (insbesondere als Phänomen der Trance und des Tanzes), aber auch um das "Zeitmanagement" junger Frauen in einer "Gesellschaft der Unsicherheit" oder – wiederum grundsätzlicher – um "Zeiten des Übergangs" als Konstanten individueller und kollektiver Erfahrung geht. Überlegungen zu "Vergleichzeitigung" und "Enträumlichung" stehen am Beginn des Abschnitts "Zeit-Räume", in dem Sabine Hofmeister auf die zerstörerische Wirkung des "rasenden Stillstands" (P. Virilio) aufmerksam macht. Sie sieht aber auch Hinweise dafür, dass mit dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung die Bestrebungen zunehmen, "soziale, kulturelle und ökonomische Zeiten wieder in Einklang mit den ökologischen Zeiten der Natur zu bringen".
Der Band, der auf mehrere "Zeitakademien" an der Evangelischen Akademie Tutzing zurückgeht, trägt wesentlich dazu bei, dem Aspekt der "Zeitvielfalt" die ihm gebührende Aufmerksamkeit zu sichern und damit – wie es Karlheinz Geißler formuliert – "eine wissenschaftliche Leerstelle zu schließen". Walter Spielmann

Zeitvielfalt. Wider das Diktat der Uhr. Hrsg. v. Karlheinz Geißler … Stuttgart: Hirzel, 2006. 224 S. € 22,70, ISBN 3-7776-1428-9

<img src="/fileadmin/templates/zf/img/dandelion_staunen.gif"/>